Qualitätsmedien stärken die Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation
Wer Qualitätsjournalismus nutzt, ist widerstandsfähiger gegenüber Desinformation. Wer Nachrichten hingegen kaum oder vorwiegend über Social Media konsumiert, ist anfälliger für manipulative und verschwörungsideologische Aussagen. Zu diesem Ergebnis kommt das Jahrbuch Qualität der Medien 2026 des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich. Die Befunde zeigen, welche zentrale Rolle verlässliche Information für eine funktionierende Öffentlichkeit spielt.
Desinformation wird in der Schweiz zunehmend als gesellschaftliche Herausforderung wahrgenommen. 57 Prozent der Befragten beurteilen sie als eher grosses bis sehr grosses Problem. Gegenüber 2021 entspricht dies einem Anstieg um acht Prozentpunkte. Mehr als die Hälfte gibt zudem an, im Alltag häufig auf eindeutige oder mutmassliche Desinformation zu stossen.
Besonders stark wird das Problem mit digitalen Plattformen verbunden. 76 Prozent der Befragten nennen Social Media als wichtigen Verbreitungskanal für Desinformation, 60 Prozent Videoportale wie YouTube, 44 Prozent Messenger-Dienste und 43 Prozent KI-Chatbots. Journalistische Medien werden demgegenüber deutlich seltener mit Desinformation in Verbindung gebracht.
Entscheidend ist, woher Nachrichten kommen
Eine zentrale Erkenntnis des Jahrbuchs: Für die Widerstandsfähigkeit gegenüber Desinformation spielt nicht nur eine Rolle, ob Menschen Nachrichten konsumieren. Entscheidend ist auch, aus welchen Quellen sie sich informieren.
Menschen, die private Qualitätsmedien mit Angeboten des Service Public kombinieren oder journalistisch produzierte Nachrichten über Radio und Fernsehen nutzen, sind gemäss der Studie weniger anfällig für desinformative Verschwörungsaussagen. Grundlage der Vertiefungsstudie ist eine repräsentative Onlinebefragung von 1222 Personen in der Deutschschweiz und der Suisse romande.
Besonders relevant ist dabei der Befund zur sogenannten «News-Deprivation»: Menschen, die praktisch keine journalistischen Nachrichten konsumieren oder sich fast ausschliesslich über Plattformen wie TikTok und Instagram informieren, zeigen eine höhere Anfälligkeit gegenüber desinformativen Verschwörungsaussagen. Social Media allein bietet gemäss den Forschenden keinen erkennbaren Schutz vor Desinformation.
Medienkompetenz allein reicht nicht
Neben der Mediennutzung spielt die Fähigkeit eine wichtige Rolle, typische Mechanismen von Desinformation zu erkennen. Dazu gehören beispielsweise Scheinbelege, starke Vereinfachungen oder manipulative Argumentationsmuster.
Das fög spricht in diesem Zusammenhang von «Verifizierungskompetenz». Sie trägt dazu bei, fragwürdige Inhalte einzuordnen und deren Glaubwürdigkeit besser beurteilen zu können. Entsprechend empfehlen die Autorinnen und Autoren, Nachrichten- und Medienkompetenz stärker und verbindlicher in Schule und Ausbildung zu verankern.
Doch individuelle Medienkompetenz ist nur ein Teil der Lösung. Das Jahrbuch verweist ebenso auf die strukturellen Voraussetzungen einer resilienten Öffentlichkeit: Qualitätsjournalismus müsse wirtschaftlich gesichert, der News-Deprivation entgegengewirkt und die Zusammenarbeit im Fact-Checking gestärkt werden. Gleichzeitig brauche es transparentere und überprüfbare Regeln für Plattformen, Suchmaschinen und KI-basierte Antwortsysteme.
Eine Frage der kommunikativen Infrastruktur
Die Ergebnisse reichen damit weit über die Medienbranche hinaus. Sie betreffen eine zentrale Frage unserer Informationsgesellschaft: Wie stellen wir sicher, dass Menschen auch in einer fragmentierten digitalen Öffentlichkeit Zugang zu verlässlicher Information und Einordnung haben?
Für Unternehmen, Behörden, Institutionen und Kommunikationsverantwortliche verändert sich damit das Umfeld grundlegend. Informationen konkurrieren nicht mehr nur mit anderen Informationen. Sie konkurrieren mit algorithmisch kuratierten Inhalten, verkürzten Darstellungen, emotionalisierten Debatten und teilweise gezielter Desinformation.
Glaubwürdige Kommunikation beginnt deshalb nicht erst bei der Wahl des richtigen Kanals. Sie braucht nachvollziehbare Fakten, Einordnung, Transparenz und eine klare Absenderkompetenz. Gleichzeitig wird die Frage immer wichtiger, wie Menschen erreicht werden können, die journalistische Informationsangebote kaum mehr nutzen.
Genau darin liegt eine der grossen kommunikativen Herausforderungen der kommenden Jahre: Verlässliche Information muss nicht nur vorhanden sein. Sie muss die Menschen auch erreichen.
Das Jahrbuch Qualität der Medien 2026 macht deutlich, dass Qualitätsjournalismus dabei weit mehr als ein Medienangebot ist. Er ist ein wichtiger Bestandteil einer widerstandsfähigen demokratischen Öffentlichkeit.
Das Jahrbuch Qualität der Medien wird jährlich vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich publiziert. Die Ausgabe 2026 enthält neben der Vertiefungsstudie zu Desinformation weitere Analysen unter anderem zum Vertrauen in KI-Chatbots und professionelle Nachrichten sowie zu den Erwartungen der Bevölkerung an die SRG SSR.
Wissenschaftliche Partnerschaft mit der commsummit
Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich ist wissenschaftlicher Partner der commsummit. Die Zusammenarbeit verbindet aktuelle Forschung mit den Herausforderungen der Kommunikationspraxis. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Medienqualität, Mediennutzung und öffentlicher Kommunikation liefern wichtige Impulse für die Diskussion über die Zukunft der Kommunikation. Diese Themen greift die commsummit in ihren verschiedenen Formaten auf und fördert damit den Wissenstransfer und den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kommunikationspraxis.


